Samstag, 22. September 2012

Neue Generation. Neue Liebeskultur?!

Wie viele Freunde/Freundinnen hast du, die in einer festen Beziehung sind?
Wie viele Freunde/Freundinnen hast du, die Single sind?
Und wie viele Freunde/Freundinnen hast du, die sich irgendwo dazwischen in dieser undefinierten Grauzone befinden? Die irgendwie nicht so richtig vergeben sind, aber trotzdem nicht zu den Singles gehören? Ehrlich gesagt, wenn ich meine Freunde, wie in Facebook, in diese Gruppen einteilen würde, ergäbe das eine erschreckend große Gruppe.
Oder ist erschreckend gar nicht das richtige Wort?!

Aber was ist eigentlich los? Warum gewinnt diese Grauzone immer mehr Land?
Dass sich Männer oft nicht binden wollen und es selbst 40-jährige Dauerjunggesellen gibt, die Angst vor Kindern und dem damit verbundenen scheinbaren Begräbnisses ihrer Freiheit haben, ist nicht neu. Affären gehören auch zu den Dinosauriern unserer Beziehungswelten und offene Beziehungen sind mittlerweile so emanzipiert, dass man sie definieren kann. 
Aber seit wann wollen Frauen oft dasselbe?

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Man sieht sich einmal oder ein paar Mal in der Woche (sofern das die räumliche Distanz erlaubt), hat Spaß miteinander, genießt die Nähe und fühlt sich wie in einer Beziehung - nicht selten findet man sich nach der Trennung vom festen Partner irgendwann in dieser neuen Form wieder. Sobald man die Wohnungstür hinter sich schließt und frische Luft atmet, ist man wieder allein und frei. Kein Druck, keine Versprechen, keine Zweisamkeitstermine, die man sich merken muss, kein Sichrechtfertigenmüssen, wenn man mal nicht anruft. Man pickt sich von allem nur das Beste raus - der Grund wahrscheinlich, warum diese Beziehungskultur so stark im Trend liegt.
Und wie bei anderen bewusstseinsberauschenden Mittelchen auch, ist am Anfang alles total toll. Man ist diesem Freiheits-Liebes-Rausch verfallen. Es fühlt sich an, wie bei den Blumenkindern der 70iger, freie Liebe, 8er WGs und selbstgedrehte Zigaretten.
Doch irgendwann zeigt die anfangs so euphorisierende Droge dann ihre schleichenden Nebenwirkungen. Bei mindestens einem von beiden. Dieser eine Teil der Beziehung will mehr im Leben -wie so oft- verliebt sich, möchte der eine Teil sein, der Einzige. Während der andere Teil immer mehr abblockt. Variante B ist: Der eine Teil, der eigentlich immer mehr wollte, hat auf einmal jemand anderen, der auch mehr will. Und zusammen sind sie dann mehr. Und dann merkt der andere Teil wiederum, dass er eigentlich auch mehr gewollt hätte. Diese Varianten lassen sich wohl bis ins Unendliche fortführen und ich glaube sehr viele von uns haben solche Varianten schon mehr als einmal live&uncut erlebt.

Und all das passiert, obwohl laut einer Umfrage des Instituts K&A Brand Research für das Online-Portal FriendScout24 (es wurden 2000 Personen zwischen 18 und 65 Jahren befragt), acht von zehn Befragten,also 81%, der Meinung sind, dass es den Partner fürs Leben gibt. Was bedeutet, dass sie darauf hoffen diesen auch zu finden. Trotzdem denken 63 Prozent der Befragten, dass in zehn Jahren weniger Beziehungen dauerhaft halten werden und zwei Drittel gehen davon aus, dass Hochzeiten bis 2020 abnehmen werden.
Wie oben schon erwähnt denke ich, dass dieses neue Beziehungsmodell unserem Schoß geboren wurde. Genauer gesagt im Schoß unserer Emanzipation. War der häufige Sexpartnerwechsel früher eher unter den Männern vertreten (dass ein Mann sein Sperma an möglichst viele Partnerinnen weitergeben will ist -wie wir mittlerweile alle wissen- genetisch bedingt, dieser Drang ist sogar vererbbar*), ist er heute bei Frauen genauso normal. Wenn auch oft aus einem etwas anderem Grund. Wir wollen heutzutage mehr als die Frauen von früher. Wir wollen den perfekten Mann, Mister Big - wie Carry aus Sex and the City sagen würde. Und auf der Suche nach dem Richtigen, probieren wir Männer an wie Jeanshosen, ohne dabei in die Verbindlichkeit einer richtigen Beziehung zu kommen. Zwickt einer ein bisschen, wird er aussortiert (wobei wir das nicht als Spaß empfinden, denn wir hätten ja gerne eine Jeans,die super passt). Und mit jedem Mann, klettert der Anspruch ein bisschen höher. Bei manchen von uns ist er wohl schon in schwindelerregenden, sowie sauerstoffarmen Höhen angelangt.
Außerdem habe ich kürzlich gelesen, dass Beziehungen uns beziehungstauglicher machen. Wir üben uns also mit jeder Beziehung mehr in Sachen Zweisamkeit. Solange, bis wir hoffen, die perfekt sitzende Jeans gefunden zu haben.
Ist das Leben also doch nur das endlose Proben einer Vorstellung, die niemals stattfindet? (Das ist eines meiner Lieblingszitate aus dem 'Fabelhaften Leben der Amélie') 

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'Freundschaft Plus' oder 'Freunde mit gewissen Vorzügen' sind, verpackt in rosarotem Glitzerpapier, vermeintliche Hoffnungsträger dieser neuen Liebeskultur. Mit dem Unterschied, dass in der Realität die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering ist, dass aus einer solchen Irgendwienursexbeziehung eine ernsthafte Liebesbeziehung wird. Nicht umsonst, gehen Menschen solche Sexbeziehungen ein. Was die vermeintlichen Hoffnungsträgerfilmchen als das Gegenteil entlarvt: Hat man das rosarote Glitzerpapier vorfreudig zerrissen, verbirgt sich darunter ein großer Klumpen Luft, der sofort verpufft. Was bleibt ist Frust. Manchmal.

* Die Fähigkeit zur Monogamie eines Mannes hängt davon ab, wie lange seine Vasopressinrezeptoren sind (es gibt sie in etwa 17 Längenabstufungen). Umso länger diese Rezeptoren sind, umso geringer ist der Wunsch des Mannes mit mehreren Frauen zu schlafen. Die Länge dieser Rezeptoren ist vererbbar. 
Quelle: Das Männliche Gehirn von Louann Brizendine

Kommentare:

  1. Hab mich in letzter zeit auch viel mit dem Thema beschäftigt und du triffst es auf den Punkt.

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  2. Das war mal echt ein guter Beitrag, ziemlich auf den Punkt gebracht.

    Am besten fand ich diesen Satz hier: "Zwickt einer ein bisschen, wird er aussortiert (wobei wir das nicht als Spaß empfinden, denn wir hätten ja gerne eine Jeans,die super passt)."

    Ich habe immer das Gefühl, dass die Frauen, die sich in solchen "Freundschaft Plus"-Beziehungen befinden, den riesigen Spaß, den sie daran haben, nur vortäuschen... Vielleicht will man ja auch nicht zugeben, dass man es schwierig findet, den "Mann fürs Leben" zu finden, und behauptet deshalb, man müsste seine Freiheit genießen.

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  3. Ein Thema welches mich momentan sehr beschäftigt.Guter Beitrag

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  4. tja ja. das leidige thema beziehungen. meine beste freundin ist seit jahren in diesen grauzonen unterwegs und ich merke wie es sie kaputt macht. ich springe von einer in die nächste feste und gerade scheint es mir so, als wäre ich bei 'der perfekt sitzenden jeans' angelangt. dass es da einen hacken gibt, ist ja natürlich irgendwie vorprogrammiert, oder?
    wir leben länger, haben mehr ansprüche, mehr geld zur verfügung und die einstellung wenn das nicht 100% passt, wird es eben ausgetauscht. die mentalität der wegwerfgesellschaft ist in die beziehungswelt ganz klar übernommen worden. wer versucht denn was zu flicken oder wieder heile zu machen? ist doch egal, schmeißen wir weg und suchen uns was neues. ich bekomm da das kotzen. auch in einer beziehung darf man nichts für selbstverständlich nehmen. da stoßen zwei persönlichkeiten aufeinander und da muss gearbeitet werden und nicht einfach nur akzeptiert. jeder hat einen mund zum reden und den sollte man auch einsetzen!

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  5. super Text & voll auf den Punkt gebracht!

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  6. so was ehrliches habe ich schon lange nicht mehr gelesen...

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