Samstag, 25. August 2012

Studentische Sinnkrisen und der neuzeitige Optionsreichtum

Der lange und optionsreiche Weg von der Schulbank bis zum ersten richtigen Beruf ist für viele nicht mehr ganz so geradlinig, wie es für Lieschen Müller gestern noch war. Was mache ich nach der Schule? Ausbildung, Studium? Eigentlich kommt alles in Frage. Und alles, das ist mittlerweile ziemlich viel.

Wer die Studienganglisten durchgeht um eventuell das Passende zu finden, der wird dort nicht nur vor die Frage gestellt: Mathe, Kunst oder doch lieber was mit Menschen. Einem hüpfen seltsame Wörter entgegen wie Oenologie, Korrepetition, Urbanistik oder Clavioarganum. Was für mich nach exotischen Krankheiten klingt, ist nur der Anfang eines Optionsreichtums, dessen Horizont irgendwo im nebligen Grau der Ferne verschwindet.
Klar, Praktika sind gut und empfehlenswert. Aber da unser Leben (bis zum heutigen Tag) noch endlich ist und wir nicht ewig Zeit haben, ist schlicht und einfach kein Platz, um lange herauszufinden, was wirklich zu einem passt.
Also gut, es gibt meistens etwas, das einem vor, während oder nach dem Abi beschäftigt, interessiert, fasziniert. Bei mir war das eben die Mode und weil ich nähen und zeichnen und basteln schon immer geliebt habe und wohl auch nicht gänzlich unkreativ bin, habe ich promt einen Studienplatz gefunden und bin genau jetzt an der Hälfte meines Studiengangs angelangt. 4 Praktika inklusive.
Aber was tun, wenn man auf einmal gar nicht mehr weiß, ob das alles so ganz richtig ist?
Es ist immer beruhigend zu wissen, dass man nicht allein ist. Laut einem Bericht der Focus Online brechen mehr als ein Viertel der Studenten in Deutschland ihr Studium ohne einen Abschluss ab und etwa 20% wechseln ihren Studiengang im Laufe ihres Studiums (lt. 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW)). 
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Kate Kinley's Fotostream

Viele Studenten erleben an der Uni oder FH das erste Mal in ihrem Leben, dass sie in ihrem Fach nicht mehr die besten sind, alle anderen sind meistens mindestens genauso stark. Hans-Werner Rückert, Psychologe an der Freien Universität Berlin, beschreibt dieses Phänomen wie folgt: »Das ist für viele ein Schock, eine Relativierung ihrer Leistungsfähigkeit«. 
Zukunftsängste, finanzielle Sorgen und Leistungsdruck kommen meistens noch hinzu.

Kann ich mir mit meinem Beruf später überhaupt ein Leben leisten?

Schaffe ich die nächste Prüfung?

Wie bezahle ich den nächsten Semesterbeitrag?

Fragen über Fragen und die Frage aller Fragen, die ich zurzeit zum Erbrechen oft höre (und die in mir selbst auch immer wieder hochgewürgt wird): Ist das überhaupt noch mein Ding? Finde ich mein Studium überhaupt so toll, so sinnvoll, so zukunftsorieniert?

Es kann viele Gründe geben, warum man auf einmal Unzufrieden wird mit dem Studiengang. Sind es wirklich nur finanzielle Nöte, ist es vielleicht ein Todesfall im persönlichen Umfeld oder Stress in der Beziehung,... sollte man aufpassen, dass diese Probleme sich nicht auf das Studium verlagern und womöglich den Wunsch auslösen alles hinzuschmeißen. Ist da aber nichts, das einen in diese fiese Krise geschubst hat, die schon seit längerem händchenhaltend mit einem durch die Fußgängerzone schlendert, sollte man doch einmal die Frage laut aussprechen, die einem schon so lange auf der Zunge liegt, aber bisweilen immer wieder ängstlich heruntergeschluckt wurde: Soll ich abbrechen?

In einem Artikel auf zeit.de, den ich vor kurzem zu diesem Thema gelesen habe wurde der Studienabbruch mit dem Schlussstrich einer Beziehung verglichen, was ich sehr passend fand. Man hat dieselben Probleme, die einen davon abhalten abzubrechen, Schluss zu machen. Mit dem Unterschied, dass man bei Beziehungen häufig meist schneller merkt, was einen glücklich macht und was nicht.

Ist die Entscheidung gefallen, dass man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in dem Berufsfeld arbeiten möchte, das man bis hierhin gewählt hat, muss man abwägen, ob man seinen Abschluss trotzdem noch machen will und danach etwas Neues beginnt oder das sofortige Aus der Band 'Studiengang XY' bekannt gibt. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

Ich für meinen Teil werde mein Studium auf jeden Fall beenden, aber es hat mich dennoch Überwindung gekostet Papa anzurufen und ihm zu sagen, dass ich nach meinem Studium eventuell noch was anderes machen will. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen und meine Pläne schwebten erstmal so hoch, dass ich sie zwischen den Wolken kaum noch erkennen konnte. Ja, das Studium kostet Geld und auch meine Wohnung. Und Lebensunterhaltung ist ja auch noch so ein Wort. Und natürlich krieg ich das nicht alles ohne meine Eltern hin - erst Recht nicht bei meinem Studiengang (=Zeiträuber und Geldfresser).

Aber wenn man erstmal kapiert hat, dass das alles trotzdem nicht umsonst war, dann kann man das auch anderen Menschen beibringen. Viele Chefs sagen sogar, dass interessante Lebensläufe und Brüche gerne gesehen werden. Hört sich doch gar nicht schlecht an!


Also wie finden wir denn jetzt diesen neuzeitigen Optionsreichtum?

Wenn man nicht mehr sicher ist, ob das Leben, das man sich bis jetzt vorgestellt hat, einen später erfüllt, kann man bei einer Sache immer sicher sein: Es gibt ungefähr tausend weitere Wege, die man gehen kann. Ob in entgegengesetzter Richtung oder leichte Linkskurve. Und noch eines ist klar: Weder Omi, noch Opi wurden vor solch eine Riesenschublade voller Wahlen gesetzt. Wir scheuen uns irgendwie davor sehr entscheidungsfreudig zu sein, wir wollen uns nicht festlegen, halten uns alle Wege offen. Unsere Großeltern konnten das schlicht und einfach nicht.

Ich denke es ist eine Bereicherung, die uns damit zuteil wird. Manchmal kann es ganz schön nerven, erst recht, wenn man so viele unterschiedliche Interessen hat, wie ich. Aber im Prinzip ist Freiheit und die damit verbundene Möglichkeit das Leben so zu gestalten, wie man möchte und so viel auszuprobieren, wie es einem beliebt (vorausgesetzt die finanziellen Mittel reichen aus), ein Segen. Wozu leben wir denn, wenn nicht dafür, das zu tun, was wir wirklich wollen und was uns interessiert? Das Leben ist doch viel zu kurz, um eine 'ordentliche' Arbeit zu machen, die uns eigentlich langweilt, von der wir aber später irgendwann mal gut leben können. Da leb ich doch lieber jetzt gut - und spannend :)
Felipomm von jetzt.de (Süddeutsche Zeitung) schreibt dazu:
'Viele von uns - besonders die 'braven Frauen' - sind dazu erzogen worden, Dinge durchzuziehen, auszuhalten, zu Ende zu führen. Warum? Wenn eine Promotion Blödsinn ist, sollte man sie abbrechen. Wenn ein Job nicht gefällt, einen neuen suchen.
Dann ist es doch gerade gut, viele Optionen zu haben. '

Und wie ist eure Meinung dazu?

Kommentare:

  1. Ich muss dir ein Kompliment machen - sehr sehr gut geschrieben und es hat mich zum Nachdenken gebracht.
    Ich möchte auch Mode studieren, werde mich an die Mappe machen, bei mir ist jedoch erst mal das Problem einen Studienplatz zu finden. Wieso denkst du dass es dich nicht erfüllen könnte? Es beunruhigt mich irgendwie- es gibt nichts was ich mir vorstellen könnte lieber zu machen und es erscheint mir noch so unmöglich diese Richtung einzuschlagen, dennoch wünsche ich es mir sehr und du dagegen- die, die es studiert überlegt, ob es das Richtige ist.
    Ist es doch nur Illusion?

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    1. Vielleicht erfüllt es mich ja auch. Ich bin eben gerade in einer Unsicherheitsphase, vielleicht hat jeder das während seines Studiums irgendwann mal - ich weiß es nicht. Aber nur,weil es sich für mich so anfühlt, muss es ja nicht jedem anderen so ergehen. Ich wollte mit dem Text niemanden entmutigen ;)
      Dass man sich unsicher ist, hat ja nichts mit dem Studiengang 'Modedesign' zu tun.
      Liebe Grüße, Sarah

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  2. Ich bin zwar selbst sogar noch etwas vom Abi entfernt und trotzdem zerbreche ich mir schon ständig den Kopf darüber, was für ein Studiengang bzw. wie es nach dem Abi weitergehen soll. Die Konsequenzen, die mit dieser Entscheidung kommen, Kosten, Umzug und generell die Richtung, die irgendwie auch das Leben erstmal bestimmen wird, sorgen dafür, dass ich jetzt schon ziemlich großen Respekt davor habe. Die Fragen ob es das Richtige für mich ist und ob man davon überhaupt vernünftig leben kann sind jetzt schon präsent und dabei habe ich mich noch gar nicht entschieden.
    Dein Text ist wirklich toll geschrieben und ich bewundere dich sehr, denn sich selbst so etwas einzugestehen stelle ich mir schwer vor. Eben wenn man dazu erzogen worden ist, Dinge zu Ende zu bringen fühlt sich aufhören immer gleich nach Aufgeben, Scheitern und Misserfolg an, wenn es wirklich zeigt, dass man sich selbst versteht und selbständig Entscheidungen treffen kann, die für einen selbst sinnvoll sind. Ich wünsche dir viel Glück und hoffe, dass du bald das Richtige für dich findest bzw. deine jetzigen Wünsche/Pläne möglich werden!

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  3. Echt toll geschrieben. Ich stand im April vor der wahl eines studiums, und war mir eigentlich meiner sache ziemlich sicher. Doch dann hab ich mich im letzten Augenblick doch noch umentschieden. Ob zum guten oder zum schlechten wird sich noch herausstellen.
    Aber ich finds super zu wissen, dass es neben meinem studiengang noch tausend weitere sachen gibt. Klar, will man nicht zehnmal das studium wechseln (meine armen eltern!), und doch hat es irgendwie etwas beruhigendes zu wissen, dass man immer noch eine andere richtung einschlagen kann. Was spricht gegen ein ausprobieren?
    Ich werd jetzt sehen ob ich das richtige gewählt habe. Und hoffe für dich, dass auch du die richtige wahl für dich triffst.

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  4. oha, damit kann ich mich wirklich genau identifizieren. ich fange im oktober mein kulturwissenschaftsstudium an und lasse mich einfach mal berieseln, alles andere ist mir zu wirr.

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  5. ich habe auch modedesign studiert und bin jetzt schon fast 3 jahre fertig damit.
    Bei kreativen Berufen ist es vielleicht wichtig zu wissen, was man danach machen will.
    Bei den Designern ist es meist ein schlecht oder garnicht bezahltes Praktikum. Vielleicht "rutscht" man auch in die Moderedakteur-Ecke und hilft dort.Je nachdem, was dich so interessiert.
    Außerdem muss man sich überlegen, ob man die Mode unter eigenem Namen verkaufen möchte, oder eher "unbekannt" für ein Label arbeitet, das lediglich vom Chefdesigner repräsentiert wird.
    Ich hab es gewagt und mich selbstständig gemacht und mir 3 Jahre zeit gegeben, um zu gucken, ob das was ist.

    Ich wünsch dir weiterhin noch ganz viel erfolg und du wirst dich richtig entscheiden.

    Liebe Grüße
    Kyra

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