Sonntag, 28. März 2010


Nein, kein normales Wochenende.
After-Abi-Weekend oder besser:
24h Happy Hour?






Der wohl interessanteste Abend war der, an dem wir Zahnfleischzipfel kennenlernten.

Wir steigen auf der Hauptwache aus, es ist eher warm, und keiner friert in seinen High-Heels. Wir stöckeln die Göthestraße entlang und passen auf, dass unsere Absätze nicht im Kopfsteinpflaster hängen bleiben (zu spät, meine sind schon zerkratzt).
Nach dem Essen, nach dem rohe Schilli-Schoten-Essen und nachdem unsere Augen sich von der beißenden Schärfe regenerieren (wohl nicht ganz, denn wir übersehen die Kameras), klauen wir Gläser im Restaurant.
Wir sind betrunken, obwohl wir nichts getrunken haben. Wir lachen, obwohl die Blasenpflaster, und auch alles andere in der Drogerie, ganz normal aussehen. Wir laufen und laufen, obwohl unsere Füße bluten (aber das merken wir gar nicht).
Wir kaufen uns billigen Wein, der wie Sekt ohne Blubber schmeckt, und stoßen mit einem Penner an, nachdem wir ihn kennengelernt haben.
Herr Zahnfleischzipfel (wir haben ihn so genannt, weil er statt Zähnen lediglich einen Zahnfleischzipfel im Mund hängen hat). Wir beobachten und trinken. Zahnfleischzipfel sammelt Leergut und bewacht es mit seinem Penner-Freund. Beide sind jedoch so betrunken, dass sie nicht merken, wie sich eine Penner-Oma anschleicht und heimlich Leergut klaut. Da wir Zahnfleischzipfel ins Herz geschlossen haben verpfeifen wir die Penner-Oma und es kommt beinahe zum Penner-Fight. Aber Penner-Oma kann sich rausreden, sie tut mir leid. Sie ist sehr hübsch.
Zwischen uns und Zahnfleischzipfel entwickelt sich ein Gespräch. Er ist 25 Jahre alt, also so alt wie die Sexualpartner von einigen von uns, unfassbar. Er hat keine mehr Zähne im Mund, weil er andere abschrecken will, sagt er („Propaganda“). Er schläft im Kino oder in der Bank und zweimal am Tag fährt der Kältebus durch die Stadt und versorgt Zahnfleischzipfel und die anderen. Er erzählt uns von seinem Leben und auch, dass er Gedichte schreibt. Ich kann mich kaum halten, muss lachen, weinen, fast schreien, während Zahnfleischzipfel voller Inbrunst sein Gedicht vorträgt (der Alkohol wahrscheinlich). Aber der Text ist wirklich gut „Lasst euch nicht regieren, nichts befehlen, nichts diktieren...“ und so.
Als uns kalt wird gehen wir.
Daheim poliert jeder von uns seinen Schmuck.
Man kann die Eindrücke, die wir an diesem Abend erlebten schlecht in Worte fassen, aber wir werden den Abend mit Sicherheit nie vergessen.
Aber auch die weiteren Abende sind unvergesslich.
Wir laufen im Regen durch die Dunkelheit, THC lässt unsere Glieder fast zu Boden sinken. Wir fühlen uns so cool.
Wir essen Schokocrossies, die sich sehr dick anfühlen, aber sich im Augenlicht als mickrige Würmchen entpuppen, es ist unglaublich. Und enttäuschend.
Wir laufen über einen Flohmarkt und müssen darüber lachen, wie schlecht er ist.
Wir laufen im Regen durch die Stadt und frieren selbst im Restaurant noch. Wir müssen lachen, weil wir schon wieder über unseren Schmuck reden.

Und dann fahren wir nach Hause mit dem Gefühl, dass das Abi vielleicht völlig überflüssig war oder sogar eine Fehlentscheidung. Aber auch mit dem Gefühl dadurch wunderbare Menschen kennengelernt zu haben.


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